Sind tatsächlich schon drei Stunden vergangen? Wenn man Günter Radtke und seine Frau Dorothea in ihrem Haus in Uetze besucht, vergeht die Zeit wie im Flug. Denn beide haben sehr viel zu zeigen und zu erzählen. So viel, wie in einem arbeitsreichen kreativen Leben halt zusammenkommt. Günter Radtke ist der wohl bekannteste deutsche Pressezeichner und Illustrator, 1948 hat er zusammen mit Henri Nannen den „Stern“ aus der Taufe gehoben. Die Region Hannover zeigt in Zusammenarbeit mit der Hänigser „Galerie an der Mühle“ vom 31. Januar bis zum 2. März im Neustädter Schloss Landestrost einen Querschnitt durch das Werk des international renommierten Multitalents. „Visionärer Realismus“ heißt die Ausstellung, und dieser Titel umreißt Radtkes facettenreiches Werk sehr gut. „Ich zeichne, was nicht zu fotografieren ist“ – knapp und prägnant formuliert es der 82-Jährige, der ebenso wie die drei Jahre jüngere Ehefrau von jugendlicher Energie durchpulst scheint. Ob Wissenschaftliches, Zukunftsvisionen, heikle Fragen der Zeitgeschichte, ob Weltraumstationen, die spektakuläre Ballonflucht aus der DDR oder das Stammheimer Terroristengefängnis: Radtke hat all das und noch viel mehr dargestellt. Neben dem „Stern“, für den der Illustrator bis 1995 gearbeitet hat, finden sich „Geo“, „Mare“ oder Unternehmen wie die Preussag unter den zahlreichen Auftraggebern. Der Illustrator arbeitet mit Kohle und Temperafarben. Die im Original oft großformatigen Blätter wirken lebendig, vereinen Genauigkeit bis ins Detail mit Dynamik, wo immer diese angebracht erscheint. Auf einer Darstellung von 1994 sieht man Kometenbruchstücke mit gewaltiger Kraft auf dem Jupiter einschlagen: „Einige meinten, die Trümmer würden einfach spurlos im Planeten verschwinden“, erläutert Radtke. „Eine solche Illustration hätte aber für mich keinen Sinn gehabt. Ich habe gesagt: Entweder wir machen die Zeichnung so, dass etwas von der Dramatik deutlich wird, oder gar keine.“ „Ich zeichne, was nicht zu fotografieren ist.“ Rückblick zu den Anfängen: „Ich habe schon immer gezeichnet“, sagt der gebürtige Ostpreuße, der an der Berliner Akademie der Künste studierte. „Damals konnte man mit Illustrationen gutes Geld verdienen, weil die Fototechnik noch nicht so weit war. Die große Theaterpremiere, der Unfall beim Autorennen oder der genaue Moment des KO-Schlags beim Boxkampf: Das wurde alles gezeichnet.“ Schon als 16-Jähriger begleitete Radtke die Berliner Olympiade von 1936. Die Frage liegt nahe, wie eine Großstadtpflanze ausgerechnet im beschaulichen Uetze landete. Was aus der Not geboren war – 1945 hatte Frau Radtke mit ihrer kleinen Tochter auf der Flucht Unterschlupf bei Verwandten gesucht –, wurde zur Überzeugung: „Wir fühlten uns hier wohl, und Berlin war überhaupt nicht mehr wie vor dem Krieg.“ Im Anzeiger-Hochhaus in der hannoverschen Innenstadt gründete Günter Radtke 1948 zusammen mit Henri Nannen den „Stern“, fungierte als Cheflayouter, Bildredakteur und Illustrator: Über die Presselandschaft der Nachkriegszeit weiß er viel zu erzählen. Die Geschichte vom allseits bewunderten Fotografen etwa, der beim Fußball immer den richtigen Moment des Torschusses zu erwischen schien: „Er hat mir schließlich erzählt, dass er Fotos von Fußbällen in allen Größen bereit hielt, die er dann ins Tornetz klebte . . .“ Und, was den „Stern“ anbelangt, wie zum Beispiel der Anstoß für die berühmte Kinderseite „sternchen“ von Dorothea Radtke kam. Sie, die Autorin und Organisatorin, ist überhaupt weit mehr als „die Frau an seiner Seite“. Dieses Paar ergänzt sich offenbar perfekt. In dem kleinen Nebenhäuschen steht eine komplette Regalwand voller Bücher über die unterschiedlichsten Themen: In Gemeinschaftsarbeit haben die Radtkes diese Reihen für deutsche und internationale Verlage konzipiert. Zurück in der guten Stube zeigt Günter Radtke weitere Proben seiner Kunst. Kein Blatt ist ihm gleichgültig, zu jedem hat er etwas zu erzählen: das 1963er Grubenunglück in Lengede, die japanische Vision von einem kilometer-hohen Wohnhaus für 35 000 Menschen, die Ringe des Saturn . . . Schon 1948 gab es eine Serie über die Utopie einer Mondrakete: „Meine Haltegriffe sehen aus wie in der Straßenbahn“, amüsiert sich Radtke über das eigene Blatt. Er sollte später als einer der ersten Journalisten in den USA das Modell der echten „Apollo“-Rakete zu Gesicht bekommen – und natürlich zeichnen. Neugier und Optimismus scheinen Günter Radtkes Charakter zu prägen. Nur zweimal mischt sich so etwas wie Bedauern in seine Worte. Die zunehmende Verflachung der Presselandschaft lässt ihn nicht unberührt. Und der Kokoschka-Fan hätte gern mehr Zeit für seine freie künstlerische Arbeit in Form von expressiver, farbstarker Malerei. Larmoyant klingt auch das nicht. Überhaupt haben die fast irritierend freundlichen Radtkes inzwischen eine Abwechslung vom Bildergucken beschlossen. „Sie essen selbstverständlich mit uns.“ Es schmeckt köstlich – aber warum sollte die Kreativität in diesem bemerkenswerten Haus auch gerade vor der Küche Halt machen?
Günter Radtke – „Visionärer Realismus – Unsichtbares sichtbar machen“ 31. 1.–2. 3. Schloss Landestrost, Schlossstraße 1, Neustadt Öffnungszeiten: Di.–Do. 10–16 Uhr Fr. 10–13 Uhr Sa./So. 14–17 Uhr Informationen zu einer exklusiven Führung lesen Sie auf Seite 24. |